TO THE PEOPLE POSING/SMILING AROUND IN AUSCHWITZ

Samstag, 18. August 2018

Vor kurzem habe ich mit euch einen kleinen Reisebericht geteilt, in dem ich euch meine Erfahrungen zu Polen im Allgemeinen mitgeteilt habe (dieser ist übrigens super bei euch angekommen! Danke dafür!). Und bereits in diesem Beitrag habe ich angekündigt, dass ich überlege, das Thema Auschwitz aufzugreifen. In dem Kommentarbereich gab es so einige von euch, die Interesse an diesem Thema hatten, das nicht ganz einfach ist und wohl eher zu den ernsteren Themen auf meinem Blog gehört.
Wie ihr wisst, ist mein Blog irgendwie ein kleines offenes Tagebuch für mich, jedenfalls lässt es sich mit sowas recht gut vergleichen. Immer wenn mir etwas wirklich negativ aufgefallen ist oder mich aufgeschreckt hat, habe ich diesen Blog genutzt, um die Erfahrungen und Erlebnisse nicht nur in gewisser Art und Weise aufzuarbeiten, sondern auch um vielleicht andere wach zu rütteln. Das habe ich bereits zu Themen wie Loverboys oder auch dem Feminismus gemacht und heute kommt das Thema Auschwitz dazu, was für mich nochmal etwas schwieriger ist, da es doch ein so großes Thema ist, das respektvoll behandelt werden muss. Und genau dieser respektvolle Umgang fehlte mir in den Gedenkstätten von einigen Besuchern...


Es ist der letzte Tag vor unserer Abreise auf der Studienfahrt und alle haben diesem Ausflug irgendwie entgegen gefiebert: Die Exkursion zu dem Stammlager Auschwitz und dem Konzetrationslager Auschwitz-Birkenau.
"Entgegen fieben" - das ist vielleicht auch schon ein merkwürdiger Ausdruck für unsere Gefühle, die wohl bei jedem von uns Schülern ganz komisch und unterschiedlich waren. Interesse hatten wir aber höchstwahrscheinlich alle, denn wir sind Schüler einer Schule, die nach einer Überlebenden des Holocaust benannt wurde und demnach haben wir uns schon recht früh mit der gesamten Thematik beschäftigt.
Allerdings immer nur in der Theorie. Immer hat man den Holocaust als irgendwas theoretisches aus dem Geschichtsbuch wahrgenommen, das mal stattgefunden hat, aber so richtig realisieren konnte jedenfalls ich das Ganze nie. Ich wusste von all dem, ich selbst habe auch außerhalb der Schule beispielsweise das Tagebuch der Anne Frank gelesen oder anderweitig im Internet recherchiert.
Und dann war tatsächlich der Tag gekommen, an dem wir diesen Ort besuchen würden, an dem all diese Aufnahmen aus unseren Geschichtsbüchern entstanden sind. 


Auch meine Lehrer waren sich der Sensibilität dieses Themas bewusst und haben uns schon vor dem Ausflug über Wichtiges informiert. Dennoch waren das doch irgendwie scheinbar selbstverständliche Informationen, wie beispielsweise respektvolle Kleidung und angemessenes Verhalten.
Wir sind etwas mehr als eine Stunde mit dem Bus als erstes zu dem Stammlager Auschwitz gefahren und nachdem wir durch eine Sicherheitskontrolle gegangen sind, ging es auch schon los. Jeder bekam einen Audio Guide, der mit der Reiseleitung verbunden war und somit jeder Kopfhörer nutze. Niemand redete mehr und jeder folgte stumm den Informationen. Alles begann damit, dass wir durch das bekannte "Arbeit macht frei"-Tor gingen und direkten Zugang zu den Wohnbaracken der Insassen hatten, die etwas umgestaltet wurden. In ihnen konnte man ganz unterschiedliche Dinge sehen. Es gab Räume, in denen man mehrere Tonnen Haare sah, die den damaligen Insassen abgeschnitten wurden, sowie auch Räume, die mit allen Habseligkeiten der Leute gefüllt waren. Räume, in denen auch Bilder waren von abgemagerten Insassen und ihren Geschichten sowie auch Lebensdaten. Wenn man die Daten vergleicht, fällt schnell auf, dass einige nicht länger als ein paar Tage in dem Konzentrationslager gelebt haben. Die Eindrücke sind wirklich kaum zu beschreiben. Es gab Mitschüler, die weinen mussten, es gab die, die kurz davor waren, oder diejenigen, die einfach für sich inne blieben. Wir gingen fast alle Gebäude durch, sahen auch die Wand, vor der die Insassen nackt erschossen wurden und fuhren irgendwann zur Gedenkstätte Auschwitz Birkenau.



Hier gibt es weniger Räume - man ist 90% der Zeit draußen bei knapp 35 Grad an dem Tag und wir besuchen ebenfalls die "Wohnkomplexe" der Häftlinge. Unsere Reiseleitung erzählt uns von den katastrophalen Umständen und davon, dass meist 5 Leute in einem Bett schlafen mussten und zeigt uns darauf die "Sanitäranlagen", die nur morgens und abends aufgesucht werden durften. Wir gehen in das Gebäude und sehen gefühlt 100 Toiletten, um ehrlich zu sein, sind dies einfache Löcher, die nebeneinander gereiht sind. So langsam ist es Mittag und immer mehr bekommt man einen Einblick in das (Über-)Leben im Konzentrationslager. Wir gehen immer weiter - nie hätte ich gedacht, dass diese Vernichtungslager so großflächig sind. Die Drahtzäune und Wachtürme - an allem gelagen wir ganz unproblematisch vorbei und ich frage mich, ob und wie Insassen geflüchtet sind. Die Reiseleiterin sagt mir, dass von ca. 800 Fluchtversuchen nur 300 geklappt haben und dass in allen anderen Fällen immer zusätzlich 15 Häftlinge aus der Gruppe des Geflüchteten mit dem Hungertod bestraft wurden, indem sie in einem kleinen Raum eingesperrt wurden, die wir allesamt zuvor bereits gesehen haben. Sie erzählt mir davon, dass Häftlinge unabhängig vom Wetter teils 19 Stunden lang Stehen mussten und es ganz egal war, wenn dabei gerade jemand starb oder kollabierte, weil er einfach nicht mehr konnte. Die Informationen wiederholen sich immer mehr, aber genauso werden sie immer greifbarer und für mich realisierbarer. Ich spüre nur noch wie ich irgendwie einen Klos im Hals habe, aber mich mit dem bald anstehenden Ende der Tour probiere zu beruhigen.



Wir machen eine Pause - stehen nur einige Meter entfernt von dem Eingang des Konzentrationslagers, das an ein Tor erinnert und an dem sich die Bahnschienen kreuzen - ihr wisst sicher, von welchem Ort ich rede.
Wir trinken etwas, reden über die vielen Eindrücke und plötzlich sagt eine Mitschülerin: "Hey, schaut mal da! Was machen die denn da?". Ich drehe mich um, sehe zwei ca. 17-jährige Mädchen. Sie tragen eine Hot-Pants und ein Crop-Top, haben bunte Accessoires. Auf ihren Wangen zeigen sich einige Glitzer-Partikel, die mich an das Make-Up von Festivals erinnern. Wir drehen uns um, schauen sie fragend an und direkt darauf gibt das eine Mädchen ihrer Freundin das Handy in die Hand, sagt ihr drei Worte und stellt sich direkt vor den Eingang des Konzentrationslagers. Sie geht durch ihre Haare, sie lacht und legt ihre Hände an die Hüfte. Einmal dreht sie sich sogar.
In dem Moment kommt es mir so vor, als würden alle vorherigen Eindrücke irgendwie zerfallen. Ich sehe nur das Mädchen und koche vor Wut. Wie kann man sich so an einem solchen Ort benehmen? Wir reden in der Gruppe, sind irgendwie alle etwas verunsichert über das, was wir tun sollen, bis ich mich mit einer Mitschülerin dazu entscheide, die Mädchen auf ihr Handeln aufmerksam zu machen. Einige schreien uns hinter her: "Tut's nicht - das bringt eh nichts!", aber wir stehen den Mädchen schon gegenüber. "You should think about your behaviour.. it's really disrespectful..", sagen wir den Mädchen. Sie schweigen, tun so, als ob sie uns nicht verstehen würden und reden kurzerhand miteinander auf spanisch. Wir schauen sie kurz noch an und gehen dann, während beide ihre neuen Bilder am Handy anschauen, die vermutich bereits auf Instagram gelandet sind.

Ich bin total verwirrt und habe keinerlei Verständnis dafür und kann um ehrlich zu sein nicht wirklich glauben, was ich gerade gesehen habe. Aber das macht nichts, denn als wir endgültig das Konzentrationslager verlassen, sehen wir eine Familie mit Selfie Stick vor einer der ehemaligen Gaskammern, die lächelnd in ihre Kamera winken.
Ich bin wirklich sprachlos und verärgert.
Was soll das sein? Was soll das werden? Was möchten diese Personen mit ihrer Fotoaufnahme erreichen? Sagen sie irgendwann bei einem Familientreffen: "Hier waren wir in Italien... und ja ach hier - das war in Auschwitz!" ? Finden sie es lustig und cool an einem Ort, an dem so viele Menschen unschuldig sterben mussten zu posieren oder ist es einfach ihre Art mit dem hier Erlebten umzugehen? Warum sehen sie nicht, was sie da gerade tun und warum scheint ihr Verhalten für sie als eine Banalität, sogar Normalität?



Dies ist kein Ort der Freude. Kein Ort, an dem man seine Fotosessions für die nächsten Instagram Bilder veranstaltet und auch definitiv kein Platz für die Verharmlosung oder Infragestellung einer solchen Katastrophe, der mehrere millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Fehlende Toleranz, fehlender Respekt und fehlende Menschlichkeit - alles zeigt sich leider genau an diesem Ort. Die Leute zeigen sich dabei noch ganz bewusst öffentlich im Internet, wie sie solche Taten als beinahe belustigend empfinden und dies gleich mit jedem teilen wollen. Wie ein Ort des Völkermordes für diese Leute ein Fotomotiv darstellt und wie sie sich ihrer Verantwortung gar nicht bewusst sind.
Die Verantwortung, auch noch Jahrzehnte später die Geschichte aufzuarbeiten und sich den Informationen bewusst zu werden, was doch eigentlich bei einem Besuch der Gedenkstätte erreicht werden sollte. Die Verantwortung, einen derartigen Rassismus nicht mehr zuzulassen und für mehr Weltoffenheit zu plädieren, bei der es ganz egal ist, ob man ein Jude ist, ein Homosexueller, oder sonst wer. Denn vor allem heute wird immer wieder deutlich, dass Rassismus immer noch mehrfach auffindbar ist. Dass es erscheint, als hätte man nichts aus der Geschichte gelernt und als wäre eine Person über Kriterien, wie Herkunft, Hautfarbe oder Glaube definierbar, wenn es sich im Grunde genommen doch einfach um einen Menschen handelt, wie du und ich.


Mittlerweile konnte ich alle meine Eindrücke weitgehend verarbeiten und es ist wirklich unfassbar schwer, jemanden seine Gefühlswelt zu schildern, wenn man einen solchen Ort besucht hat. Gleichzeitig ist es aber auch ein unglaubliches Privileg, dass wir die Möglichkeit haben, über die Geschichte reden und uns informieren zu können - sogar an die jeweiligen Orte reisen können.
Dennoch zeigen die oben beschriebenen Ereignisse, dass wir alle noch gar nicht an einem Ziel angekommen sind und dies eine Mahnung an uns alle ist. Eine Mahnung an jeden Einzelnen für mehr Toleranz, Akzeptanz, Respekt und Weltoffenheit und eine Mahnung daran, dass sich ein solches Ereignis wie damals nie wiederholen darf und wir noch heute dafür sorgen müssen, dass unsere heutigen Werte und Normen weiterhin vertreten werden.

Oben findet ihr ein YouTube-Video, welches viele Räume und Eindrücke, die ich geschildert habe, kurz erläutert und darstellt.



Lara

Kommentare:

  1. Schöner Bericht liebe Lara und ja, es ist ein ernstes Thema. Ich finde es übrigens echt toll, dass du auch solche Themen auf deinem Blog behandelst.
    Liebe Grüße,
    Cindy ❤ www.fraeulein-cinderella.de

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  2. Danke dass du uns an dieser Erfahrung teilhaben lässt. Mir ist schon beim Lesen ganz anders geworden, ich glaube mich würde das sehr mitnehmen mir das vor Ort anzuschauen. Und zu dem Mädchen und den Leuten die so wenig Respekt zeigen fällt einem ja wirklich nichts mehr ein, manche Leute sind einfach unbelehrbar!

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    1. Das stimmt und ist wirklich schade!
      Wir wussten alle nicht so wirklich, wie wir mit der ungewohnten Situation umgehen und letztendlich war das auch total individuell und unterschiedlich :)

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  3. Liebe Lara, das ist wirklich ein super Beitrag. Ich find's klasse, dass du auh über solche Themen berichtest und kann ir auch nur schwer vorstellen, was das für ein Gefühlschaos sein musste. Es ist unfassbar, dass solche Orte dann doch als Fotolocation genutzt werden und finde super, wie ihr gehandelt habt, das machen wohl die wenigsten so!

    Liebste Grüße <3

    Sophicially

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  4. Gorgeous outfit Love the T-shirt Great video too xoxo Cris
    https://photosbycris.blogspot.com/2018/08/hipsiti-your-one-stop-travel-guide.html

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  5. Ich finde es mutig von dir, so ein Thema auf deinem Blog zu thematisieren. Ich freue mich aber dass du diesen Beitrag geschrieben und deine Eindrücke mit uns geteilt hast.
    Ich persönlich kann diese Menschen, die du beschrieben hast, nicht verstehen. Das jemand an so einem besonderen Ort, das Bedürfnis hat Bilder von sich zu machen, ist für mich unbegreiflich. Eine tolle Aktion, dass ihr die Mädchen darauf aufmerksam gemacht habt.

    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Dankeschön! Für mich war das Verhalten auch total unverständlich.

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  6. Wow ein echt toller Beitrag! Mich macht ein solches respektloses Verhalten anderer an solchen Orten genauso sauer und ich habe beim lesen deutlich gemerkt, die geschockt ich selber war obwohl ich nicht einmal dabei war.
    Ich finde es echt super, dass du solche Themen auch auf dem Blog ansprichst, denn ich finde es schwer teilweise richtige Worte zu generell sozial kritischen Themen zu finden. Trotzdem finde ich, du hast das echt super beschrieben und es lies sich echt gut lesen!

    Liebe Grüße, Anne
    www.basiccouture.blogspot.de

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    1. Danke, das freut mich sehr und bedeutet mir auch viel <3

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  7. Liebe Lara,

    ich danke Dir! Danke für diesen großartigen, ehrlichen und wichtigen Artikel – der mir aus ganzem Herzen spricht.

    Als wir damals mit der Schule in Dachau waren, weiß ich noch wie ich mich dort gefühlt habe. Ich hatte nicht einmal mehr die Energie zu weinen, weil mir der Ort irgendwie die Luft genommen hat, ich habe mich dort sehr leer gefühlt. Benommen.
    Ähnlich ging es mir im Anne Frank Museum in Amsterdam oder auch dem Mahnmal in Berlin – wenn jemand dort mit dem Selfie Stick lächelnde Schnappschüsse sammelt, werde ich ebenfalls sehr wütend.

    Vielen Dank für Deine starken Worte und die klare Positionierung!

    Ebenfalls sehr interessant finde ich die Fakten sowie das Geschichtliche, das Du sehr gekonnt in den persönlichen Beitrag eingebettet hast.

    Ganz liebe Grüße,
    Hannah

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